Wie viel Fleisch bleibt, wenn Tiere keine Lebensmittel mehr fressen?

Wie viel Fleisch bleibt, wenn Tiere keine Lebensmittel mehr fressen?

Seit unserem Beitrag zur Ernährungsinitiative bekommen wir immer wieder ähnliche Fragen. Gerade in den letzten Tagen auffallend oft. Eine davon gefällt mir besonders, weil sie unsere Haltung konsequent zu Ende denkt: Wenn wir sagen «Acker für Menschen, Grasland für Tiere» – wie viel Fleisch könnten wir in der Schweiz dann überhaupt noch essen? Einmal pro Woche? Zweimal? Und müssten wir am Ende nur noch Trockenfleisch essen?

Die kurze Antwort: Ja, wir würden insgesamt deutlich weniger Fleisch essen. Aber die entscheidende Erkenntnis ist eine andere: Wir müssten nicht von allen Tierarten gleich viel weniger essen.

Die Schweiz ist zu einem grossen Teil Grasland. Rund 70 Prozent unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche bestehen aus Wiesen und Weiden. Vieles davon lässt sich aufgrund von Topografie, Klima oder Boden gar nicht sinnvoll beackern. Für uns Menschen ist Gras keine Nahrung. Für Rinder, Schafe und Ziegen schon. Sie können daraus Milch und Fleisch machen. Genau deshalb finde ich die pauschale Diskussion «Tier oder Pflanze» wenig hilfreich. Die bessere Frage lautet: Frisst ein Tier etwas, das auch wir Menschen essen könnten – oder verwertet es Ressourcen, mit denen wir sonst wenig anfangen können?

Was passiert, wenn man diese Frage konsequent stellt?

Eine Studie der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL hat genau das durchgerechnet. Das Szenario: Ackerflächen werden primär für menschliche Nahrung genutzt. Ein Teil bleibt als Kunstwiese für die Fruchtfolge erhalten, Naturwiesen, Weiden und Alpen werden weiter genutzt, Nebenprodukte aus der Lebensmittelherstellung ebenfalls.

Das Resultat überrascht. Um das vorhandene Gras zu verwerten, wären noch rund 94 Prozent der heutigen Rinder-Grossvieheinheiten nötig. Auch die produzierte Menge an Rindfleisch könnte in diesem Modell annähernd auf heutigem Niveau bleiben. Beim Schwein sieht es ganz anders aus: Der Bestand sinkt auf rund 35 Prozent. Geflügel wurde in diesem Szenario gar nicht mehr berücksichtigt, weil seine Fütterung wesentlich stärker auf Ackerfrüchten basiert.

Damit ist die Sache aber noch nicht ganz fertig gedacht. Selbst die verbleibenden Schweine müssten in diesem Modell zu 58 Prozent mit Rohprodukten wie Getreide und Soja gefüttert werden. Würde man «Feed no Food» wirklich streng auslegen und Schweine nur noch mit Molke, Kleie, Presskuchen und anderen für Menschen nicht direkt nutzbaren Nebenströmen füttern, müsste ihre Zahl wahrscheinlich nochmals deutlich sinken.

Das ist ein wichtiger Punkt: Schwein und Huhn verschwinden nicht, weil sie «schlechte» Tiere sind. Sie verlieren vor allem dort ihre Berechtigung, wo wir eigens Ackerfrüchte anbauen, um sie zu füttern. Ein Schwein, das Nebenprodukte verwertet, erfüllt eine völlig andere Funktion als eines, für das Getreide und Soja angebaut werden.

Also konkret: Wie viel Fleisch wäre noch drin?

Eine 2024 publizierte Übersicht der ZHAW hat zehn verschiedene Schweizer Modellierungen zur graslandbasierten Tierhaltung miteinander verglichen. Die Resultate unterscheiden sich, weil auch die Annahmen unterschiedlich sind. Genau deshalb wäre es unseriös, hier eine scheinbar exakte Zahl zu nennen. In mehreren Szenarien, welche Futtermittel vom Acker stark reduzieren und die Flächen stärker für die menschliche Ernährung nutzen, liegt die gesamte Fleischproduktion aber nur noch bei ungefähr 30 bis gut 40 Prozent der heutigen Menge.

Das passt auch zu unserem heutigen Fleischmix. 2025 standen in der Schweiz insgesamt rund 469'000 Tonnen Fleisch zur Verfügung. Allein Schweinefleisch und Geflügel machten davon rund 330'000 Tonnen aus – also gut 70 Prozent. Genau jene beiden Fleischarten, die in einem konsequenten Feed-no-Food-System am stärksten zurückgehen würden.

Was bedeutet das auf dem Teller? Der Schweizer Pro-Kopf-Verbrauch lag 2025 bei rund 51 Kilogramm Fleisch. Nicht alles davon wird tatsächlich gegessen; Proviande geht davon aus, dass etwa 75 bis 80 Prozent des verfügbaren Fleisches wirklich verzehrt werden. Überträgt man die Grössenordnung der genannten Szenarien darauf, landet man sehr grob bei 200 bis 350 Gramm Fleisch pro Person und Woche.

Also: einmal pro Woche? Zweimal?

Meine Antwort wäre: eher zwei gute Portionen, vielleicht auch drei kleinere. Aber Fleisch wäre nicht mehr die selbstverständliche tägliche Beilage.

Interessanterweise liegt diese Grössenordnung ziemlich nahe an den aktuellen Schweizer Ernährungsempfehlungen. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen empfiehlt maximal zwei bis drei Portionen Fleisch pro Woche mit jeweils ungefähr 100 bis 120 Gramm.

Weniger Tiere – oder einfach die richtigen Tiere am richtigen Ort?

Für mich ist das die viel spannendere Konsequenz. Ein solches Ernährungssystem wäre nicht fleischlos. Es wäre standortgerechter.

Rinder, Schafe und Ziegen würden weiterhin unser Grasland nutzen. Schweine hätten ihren Platz vor allem dort, wo Nebenprodukte anfallen, die für die menschliche Ernährung nicht oder kaum nutzbar sind. Geflügel würde deutlich seltener werden. Wild bleibt nochmals ein eigener Fall: Es braucht keinen Futteracker, seine Menge ist aber naturgemäss begrenzt.

Und wir müssten uns wieder stärker mit dem ganzen Tier beschäftigen. Leber, Herz, Zunge, Fett, Knochen, Siedfleisch, Schulter und all die Stücke, die früher selbstverständlich zur Küche gehörten. Es macht wenig Sinn, über Ressourceneffizienz zu reden und gleichzeitig nur Edelstücke essen zu wollen. Nose to Tail ist keine romantische Idee, sondern Teil einer glaubwürdigen Fleischkultur.

Genau in diese Richtung weist auch eine Studie von FiBL, ETH Zürich und Ö+L aus dem Jahr 2025. Sie kommt zum Schluss, dass eine Feed-no-Food-Strategie zusammen mit weniger Lebensmittelverschwendung zu den grössten Hebeln gehört, um die Schweizer Selbstversorgung zu erhöhen und gleichzeitig die Umweltbelastung zu reduzieren. Weniger Futtermittel vom Acker bedeuten also nicht automatisch weniger Ernährungssicherheit. Im Gegenteil: Wenn auf diesen Flächen direkt Nahrung für Menschen wächst, können wir mit unserem Boden mehr Menschen ernähren.

Und müssten wir dann nur noch Trockenfleisch essen?

Natürlich nicht. Das wäre selbst für einen Trockenfleischproduzenten eine etwas eigenartige Welt.

Aber Trockenfleisch zeigt etwas, das in dieser Diskussion gerne vergessen geht: Nicht jedes Kilogramm Lebensmittel ist gleich viel Nahrung. Unser Bergfleisch enthält 48,6 Gramm Eiweiss pro 100 Gramm. Durch die lange Trocknung wird dem Fleisch viel Wasser entzogen. Wir erzeugen dadurch selbstverständlich nicht mehr Eiweiss aus einer Kuh – wir konzentrieren das, was bereits vorhanden ist. Bei vergleichbaren Bündnerfleisch-Produkten im Detailhandel liegen die deklarierten Eiweisswerte beispielsweise zwischen rund 35 und 43 Gramm pro 100 Gramm.

Darum greift auch die reine Frage nach dem Kilopreis manchmal zu kurz. Entscheidend ist nicht nur, wie viel ein Lebensmittel wiegt, sondern was darin steckt, wie sättigend es ist, woher es kommt und mit welchen Ressourcen es produziert wurde.

Wenn ich die ursprüngliche Kundenfrage also auf einen Satz reduzieren müsste, wäre meine Antwort heute diese:

Ja, in einem konsequenten Feed-no-Food-System würden wir vermutlich weniger als halb so viel Fleisch essen wie heute. Aber wir müssten Rind, Schaf oder Ziege nicht annähernd gleich stark reduzieren wie Schwein und Poulet. Und zwei gute Fleischmahlzeiten pro Woche wären vermutlich näher an einer standortgerechten Schweizer Ernährung als der tägliche Griff ins Fleischregal.

Für mich ist das kein Verzichtsszenario. Es ist eine Verschiebung der Wertschätzung: weniger Masse, mehr vom ganzen Tier, mehr Nährstoffe pro Bissen und Tiere, die möglichst das fressen, was nicht auf unseren Teller gehört.

Acker für Menschen. Grasland für Tiere. Weniger, aber besser.

Quellen

Stettler, Andrina; Probst, Stefan (2023): Wie viele Nutztiere braucht die Schweiz zur optimalen Landnutzung? Agrarforschung Schweiz 14, 236–242. Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL.

Jaisli, Isabel; Grüter, Roman (2024): Potentials of Grassland-Based Livestock Farming in Switzerland – A Scenario Comparison. Sustainability 16, 10362.

Müller, Adrian; Augustiny, Eva; Amacker, Rahel; Walter, Achim; Keller, Beat; Bosshard, Andreas (2025): Wege zu einer markanten Erhöhung des Selbstversorgungsgrades bei weniger Umweltbelastung. Agrarforschung Schweiz 16, 212–224.

Proviande (2026): Fleischangebot im Jahr 2025 erneut gestiegen. Marktdaten für das Jahr 2025.

Bundesamt für Landwirtschaft BLW (2026): Fleischmarkt 2025: Absatz erreicht höchsten Stand seit 2017.

Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV (2026): Schweizer Ernährungsempfehlungen für Erwachsene.

Alpahirt: Produktdeklaration Bergfleisch für Heutage, Nährwerte pro 100 g. Vergleich: aktuelle Produktdeklarationen Bündnerfleisch bei Coop und Migros.

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